Ist Bruxismus eine schädliche Parafunktion oder erfüllt er eine neurophysiologische Schutzfunktion?

Referenz: Andrisani G, Andrisani G. The neurophysiological basis of bruxism. Heliyon. 2021;7:e07477.

Bruxismus – Warum Zähneknirschen möglicherweise eine wichtige Schutzfunktion für unser Gehirn hat

Wenn wir an Bruxismus denken, denken die meisten von uns sofort an etwas Negatives: nächtliches Zähneknirschen, Kieferbeschwerden, Zahnabrieb oder Verspannungen. In der Zahnmedizin wird Bruxismus seit vielen Jahren überwiegend als schädliche Parafunktion betrachtet. Doch eine neue neurophysiologische Sichtweise stellt dieses Verständnis infrage.

Eine im Fachjournal Heliyon veröffentlichte Arbeit der italienischen Forscher Giovanni und Giorgia Andrisani beschreibt Bruxismus als möglicherweise wichtige Schutzfunktion unseres Nervensystems.

Was passiert beim Bruxismus?

Bruxismus ist eine wiederholte Aktivität der Kaumuskulatur, die sich durch Pressen oder Knirschen der Zähne äußert. Er kann sowohl tagsüber als auch während des Schlafs auftreten.

Die Autoren des Artikels konzentrieren sich auf eine bestimmte Gehirnstruktur: den mesenzephalen Trigeminuskern (Mesencephalic Trigeminal Nucleus, MTN). Dieser Bereich erhält Informationen von den Kaumuskeln und vom Zahnhalteapparat.

Immer wenn wir die Zähne zusammenbeißen oder kauen, wird dieser Kern aktiviert – und genau das geschieht auch beim Bruxismus.

Ein ungewöhnlicher Mechanismus im Gehirn

Normalerweise wirkt der Neurotransmitter GABA beruhigend und fördert den Schlaf. Die meisten Nervenzellen werden durch GABA gehemmt.

Die Nervenzellen des mesenzephalen Trigeminuskerns verhalten sich jedoch anders: Sie werden durch GABA aktiviert.

Dadurch stimulieren sie das sogenannte aufsteigende retikuläre Aktivierungssystem (ARAS), ein Netzwerk von Hirnstrukturen, das für Wachheit, Aufmerksamkeit und die Regulation wichtiger Körperfunktionen verantwortlich ist.

Warum könnte das wichtig sein?

Das ARAS steuert die Freisetzung verschiedener Neurotransmitter, darunter:

  • Noradrenalin
  • Dopamin
  • Serotonin
  • Acetylcholin
  • Glutamat


Diese Botenstoffe beeinflussen nicht nur unsere Aufmerksamkeit und Gehirnaktivität, sondern auch lebenswichtige Funktionen wie:

  • Herzfrequenz
  • Atmung
  • Schlaf-Wach-Regulation


Die Autoren vermuten deshalb, dass Bruxismus während des Schlafs dazu beiträgt, diese Systeme aktiv und stabil zu halten.

Was zeigen Schlaflaboruntersuchungen?

Polysomnographische Untersuchungen liefern interessante Hinweise:

Während Episoden von Schlafbruxismus kommt es häufig zu:

  • einer Erhöhung der Herzfrequenz,
  • einer Zunahme der Atemaktivität,
  • einer gesteigerten Aktivität der Großhirnrinde.


Diese Beobachtungen sprechen dafür, dass Bruxismus mit einer kurzfristigen Aktivierung des Gehirns und des vegetativen Nervensystems verbunden ist.

Ist Bruxismus also gar nicht schädlich?

Ganz so einfach ist es nicht.

Auch wenn Bruxismus möglicherweise eine wichtige biologische Funktion erfüllt, können seine Folgen durchaus problematisch sein:

  • Zahnsubstanzverlust
  • Zahnrisse und Frakturen
  • Überlastung der Kaumuskulatur
  • Kiefergelenkbeschwerden
  • Kopfschmerzen


Die neue Theorie bedeutet daher nicht, dass Bruxismus ignoriert werden sollte. Sie legt vielmehr nahe, dass das Zähneknirschen möglicherweise mehr ist als eine bloße Fehlfunktion.

Ein neuer Blick auf das Zähneknirschen

Besonders interessant ist die Überlegung der Autoren, dass eine verminderte Kaumuskulaturaktivität – beispielsweise bei zahnlosen älteren Menschen ohne Zahnersatz – langfristig mit einem erhöhten Risiko für kognitive Einschränkungen und Demenz verbunden sein könnte.

Die Forschung zu diesem Zusammenhang steckt allerdings noch in den Anfängen.

Fazit

Bruxismus könnte zwei Seiten haben:

Einerseits kann er Zähne und Kiefer schädigen. Andererseits könnte er eine wichtige neurophysiologische Funktion erfüllen und während des Schlafs zur Stabilisierung von Gehirn-, Herz- und Atemfunktionen beitragen.

Die Erkenntnisse der modernen Neurophysiologie erinnern uns daran, dass der menschliche Körper selten einfache Antworten liefert. Vielleicht ist das nächtliche Zähneknirschen nicht nur ein Problem, das beseitigt werden muss – sondern auch ein Mechanismus, den unser Gehirn aus gutem Grund entwickelt hat.

Clinical Take Home Message

Bruxismus könnte sowohl eine physiologische Schutzfunktion als auch pathologische Folgen haben. Die Behandlung sollte daher individuell erfolgen und nicht ausschließlich auf die vollständige Unterdrückung des Bruxismus abzielen.

Autor

Rolf Kunkel
PT, OMT
Academy Dozent

Autor:

Bild von Jürgen Berkmiller

Jürgen Berkmiller

M.Sc PT OMT; Therapy4U Gesellschafter; Academy Instruktor für neuromuskuloskelettale, postgraduale Weiterbildungen; Sportphysiotherapeut

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